Bauen und Wohnen

Der ökologische Fußabdruck von Gebäuden ist höher als viele denken: Bau und Betrieb von Gebäuden verursachen in Deutschland ca. 40 % des CO2-Ausstoßes, 52 % unseres Müllaufkommens und verbrauchen 90 % der mineralischen, nicht nachwachsenden Rohstoffe in der Baustoffproduktion.[1]  Um dies zu ändern, muss Deutschland eine umfassende Bauwende einleiten. Effektive Veränderungen werden vor allem mit Gesetzen erreicht. Das Verantwortlich machen des Einzelnen und punktuelle Förderung genügen nicht. Die aktuellen baupolitischen Rahmenbedingungen sind unzureichend und so nicht konform mit den Zielen der Pariser Klimakonferenz. 

Der  Gebäudesektor  ist  eng mit  dem  Wärmesektor  verbunden.  Der  größte Teil der mehr als 7,5 Mt CO2-Emissionen im Wärmesektor wird durch Öl- und Gasheizungen verursacht. 

Um  diesen  Ausstoß  zu  reduzieren  ist  eine Elektrifizierung  des  Sektors  unumgänglich. Wegbereitend  dafür  sind  im Vorfeld  energetische  Sanierungen  der  Gebäude,  um  den  Wärmebedarf drastisch zu senken. Zurzeit liegt die Gebäudesanierungsrate deutschlandweit  bei  gerade  einmal  etwa  1 %  pro  Jahr.

Den  aktuellen  Gebäudebestand  hin  zur  Klimaneutralität  umzubauen  ist eine  der  größten  Herausforderungen  des  Klimaschutzes,  sowohl finanziell als  auch  in  der  praktischen  Umsetzung.  Auf  der  anderen  Seite  weist  der Gebäudesektor    ein    vielfach    nicht    ausgeschöpftes    Potenzial    für die Energiewende, Klimawandelanpassung, Effizienzsteigerungen und Biodiversität auf. Die Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag der Fridays for Future-Bewegung legt nahe, wie die Wärmeversorgung in Deutschland mit  einer  durchschnittlichen  jährlichen  Sanierungsrate  von  4 %  bis  2035 klimaneutral   umgestaltet   werden   kann. Dafür   ist   politischer   Wille erforderlich, der die Probleme bei der Wurzel packt und umsetzt. Denn eine umfassende  Transformation  des  Gebäudesektors  ist  zwingend  nötig,  um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Klimaneutralität im Neubau

Alle Neubauten müssen eine Ökobilanz von mindestens Netto-Null aufweisen. Der über den gesamten Lebenszyklus verursachte CO2-Ausstoß muss demzufolge durch die Bauvorhabenträger*innen mit ökologischen Maßnahmen auf dem Grundstück kompensiert werden. Als  Grundlage für diese notwendige Maßnahme wird   eine Ökobilanz erstellt. Ein Punktesystem erfasst ganzheitlich die bei der Materialherstellung, den  Bauprozessen, dem Gebäudebetrieb und bei den Rückbau, sowie Verwertungsmaßnahmen entstehenden CO2-Äquivalente.   Mithilfe der Ökobilanz wird der gesamte Lebenszyklus des Gebäudes abgebildet. Die Verwendung eigener,    erneuerbarer Energieträger und der Einbau erneuerbarer Baustoffe, die bei einem späteren Rückbau der  Verwertung zugeführt werden können, wird konsequent gefördert (Konsistenz). Um eine Nullbilanz im Gebäudebetrieb zu erreichen, müssen die Bauvorhabenträger*innen den Energiebedarf minimieren (Effizienz)  und konsequent mit eigenen, erneuerbaren Energien decken. Zudem wird der Anreiz geschaffen, ein Gebäude   möglichst bedarfsgerecht und somit kompakt zu errichten (Suffizienz). Mit der Bilanzierung wird sichergestellt, dass klimaschädliches Handeln auf das notwendige Minimum reduziert wird und Eingriffe, die zu CO2-Emissionen führen, auf dem Grundstück ausgeglichen werden. Kann keine Netto-Null-Bilanz erzielt werden und sind Kompensationsmaßnahmen auf dem Grundstück technisch nicht umsetzbar oder wirtschaftlich nicht zumutbar,  so muss eine einmalige Kompensationszahlung entrichtet werden. Die Kosten pro CO2-Äquivalent sind gesetzlich so festzulegen, dass eine nachhaltige Bauweise die Bauvorhabenträger*innen im Regelfall ökonomisch deutlich  besser stellt. Die durch die Kompensationszahlung generierten Einnahmen sind zweckgebunden an  landeseigene CO2-Kompensationsmaßnahmen und werden diesen zugeführt.

Um eine Messbarkeit und Quantifizierbarkeit der im Gebäude verbauten Baustoffe sowie des voraussichtlichen  Energieverbrauchs sicherzustellen, sind alle Baugenehmigungen digital mit einer Bauwerksdatenmodellierung bei den entsprechenden Stellen einzureichen. Mit der Digitalisierung der Baugenehmigungen kann neben der  Berechnung der Ökobilanz auch die Archivierung, Bearbeitung und Prüfung aller Anträge effizienter und schneller umgesetzt werden.

Solarpflicht bei Neubau

Für alle Neubauten wird eine Solarpflicht eingeführt. Wird über eine Ökobilanzierung  des geplanten Gebäudes eine Klimaneutralität auch ohne die Installation von Solaranlagen nachgewiesen,  so kann  eine  Befreiung von der Pflicht erteilt werden. Die Maßnahme dient vor allem als Übergang zur umfassenden Einführung des digitalen Bauantrags mit der daran geknüpften Ökobilanzierung. 

Für eine Solarpflicht gilt es ein geeignetes Finanzierungstool zu entwickeln für den Fall, dass der Kreditrahmen bereits ausgeschöpft ist.

 

Mobilitätsangebot beim Neubau

Die Pflicht zum Errichten von PKW-Stellplätzen in der Landesbauordnung wird außer Kraft gesetzt. Damit entfallen die Zahlungen für nicht errichtete Stellplätze. Um nachhaltige  Mobilität zu fördern, werden  stattdessen nachhaltige Mobilitätsangebote (Fahrrad-Stellplätze, ÖPNV-Angebote, Electro-car-sharing) an den Neubau  gebunden  

 

Klimaneutralität im Bestand

Für einen Teil der Bestandsgebäude sollen ökologische Ausgleichsmaßnahmen erbracht werden. Wird Eigentum   an einem Gebäude erworben, so ist auch hier für alle baulichen Maßnahmen sowie für den Gebäudebetrieb die  Klimaneutralität sicherzustellen. Die Vorschriften entsprechend der Ökobilanzierung finden so für alle Aus- und Umbauten im Bestand Anwendung. Zudem ist ein Sanierungsfahrplan zu erstellen, in dem über einen festzulegenden Zeitraum energetische Maßnahmen zur Effizienzsteigerung aufgelistet sind. Bei  der Förderung von Sanierung der Bestandsimmobilien muss dringend nach gesteuert werden und es müssen weitere Anreize geschaffen werden.

Dachabgabe im Gewerbebestand

Gewerbliche Dächer, die keinen Beitrag zur Energiewende oder Biodiversität leisten, unterliegen einer Dachabgabe. Bei diesem ökonomischen Instrument steht ausschließlich der Anreiz zur Umsetzung ökologischer  Maßnahmen oder der Installation von Solaranlagen auf den Dachflächen im Fokus.

Energetische Sanierung von Liegenschaften

Mit dem Ziel, einen klimaneutralen landeseigenen Gebäudebestand bis 2026 zu schaffen, werden die  landeseigenen Liegenschaften mit einem Anteil von mindestens 20 % jährlich energetisch saniert. Hierbei werden geeignete Dach- und Fassadenflächen mit Solarmodulen versehen. Zudem werden alle Liegenschaften umgehend auf Ökostrom umgestellt. Es kann wahlweise Photovoltaik oder Solarthermie genutzt werden. Beide Technologien erfüllen gleichermaßen die Solarpflicht. Sonderprämie bei Solar plus integriertem Gründach. Weitere Sonderprämie bei Kopplung PV mit Wärmepumpe um lokal direkt genutzten Anteil der Solarstrom zu erhöhen. Die positiven Ergebnisse aus dem Sanierungsumbau werden an die Öffentlichkeit getragen und vor Ort sichtbar gemacht. Kommunen werden bei der energetischen Sanierung ihrer eigenen Liegenschaften sowohl finanziell als auch organisatorisch durch das Land unterstützt.

 

Wärmewende unterstützen

Über die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauches in 2019 entfielen auf die Wärmebereitstellung[2].  Folglich hängt der Erfolg der Energiewende zu einem großen Teil an einer planmäßigen und rechtzeitigen Wärmewende. Die momentane Bereitstellung von Fernwärme findet mit etwa 75 % aus fossilen Energieträgern statt[3]  der Anteil der erneuerbaren Energie in Form von Großwärmepumpen, Solarthermie, Biomasse, Geothermie und ferner grünem Wasserstoff aus modifizierten KWK-Lösungen muss massiv gesteigert werden, um die Emissionen der Wärmewirtschaft zu reduzieren. Einen nicht unerheblichen Anteil an einer erfolgreichen Wärmewende nimmt der Endverbraucher ein, welcher mit nahezu identisch so viel Wärmeenergie benötigt, wie der gesamte Industriesektor der Bundesrepublik[4]. Bewusster Energie- und insbesondere Wärmebezug muss Teil eines ganzheitlichen Weges der Gesellschaft zu regenerativen Energiequellen sein. 

Abwärmenutzung aus bspw. innerstädtischen Serverfarmen attraktiv gestalten

Durch die Transformation der heutigen Energiewirtschaft zu einer „Energiewirtschaft“ (heutige fossile Energieträger als „Primärenergie“ werden durch reine, arbeitsfähige Elektroenergie aus PV und Wind substituiert) nehmen Umwandlungsverluste eine neue, deutlich höhere Relevanz in der Beurteilung von Erzeugungs- und Lieferketten ein. Verluste durch Teillastfahrweisen oder übermäßiges Takten von Wärmebereitstellungsanlagen sind zu minimieren.

Durch zunehmende Digitalisierung und wachsenden Anteilen der Informations- und Kommunikationstechnik (2019 bereits > 50 % des Energiebezuges für Beleuchtung)[5] am  elektrischen Endenergieverbrauch steigt auch der Anteil verfügbarer Abwärme. Insbesondere in städtischen Gebieten ist die Nutzung derer mittels Wärmepumpen als Teil des Wärmeerzeugerpools sinnvoll. Mittels Fördermechanismen ist ein effektiver Steuermechanismus notwendig um einen höchstmöglichen Systemwirkungsgrad zu  erreichen.

Innerstädtischer Fernwärmeausbau statt quartiersdiskrete Einzelfeuerstätten

Durch den stetigen Ausbau von Fernwärme findet eine Wandlung von quartiersdiskreten Einzelerzeugungsstätten (heute primär Gas, Öl und z.T. Holzhackschnitzelfeuerung) zu einem Versorgungsverbund statt. Betrieb der Versorgungsanlagen erfolgt überwiegend im Auslegungsoptimum. Damit werden Umwandlungsverluste durch Taktung von Bsp. Wärmepumpen reduziert. Zwischenspeicherung erfolgt mittels städtischer Wärmespeicher mit minimalen spezifischen Wärmeverlusten.

Die Wertschöpfungskette des Ausbaus ist überwiegend regional. Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung der Netze schaffen neue Arbeitsplätze mit direktem Bezug zur städtischen Infrastruktur.

Das Recht auf Wohnen

Aus unserer Sicht ist die soziale und ökonomische Komponente im Bereich Wohnen nicht zu vernachlässigen. Gerade die Spekulation und Kommerzialisierung von Wohnraum führt in letzter Konsequenz zu ökologischen Problemen. Besetzten von Wohnraum durch große Unternehmen, Verdrängung von Menschen in die Außenbezirke und die dadurch einhergehende Flächenversiegelung und erhöhte Anfahrtswege, sind neben der ökonomischen und psychologischen Belastung der Menschen ein großes Problem. Eine sinnvolle und ökologische Wohnungspolitik kann nur durch eine starke Einbindung von staatlichen Strukturen und durch eine demokratische Mitbestimmung der Menschen erfolgen. 

In großen Städten besonders in Universitätsstädten steigen die Mieten rasant. Weil die Miete für die meisten Menschen nicht mehr bezahlbar ist, ziehen viele aus ihren zentrumsnahen Wohnungen in die Außenbezirke. Die Städte wandelt sich: Die attraktiven Innenstädte werden mehr und mehr zu Geister-Städten in den keine Diversität sondern nur eine bestimmte Klientel vorherrscht. Generell fehlt die Gewissheit bei den meisten Menschen, dass Sie sich eine adäquate Wohnung leisten können und immer mehr Unsicherheit breitet sich aus. In dieser Grundstimmung gestaltet sich der ökologische Umbau der Städte als schwierig, da jede Veränderung als potentielle Bedrohung der eigenen Lebensverhältnisse betrachtet wird.

Um diesen Trend entgegen zu wirken sind stattliche Strukturen und eine starke öffentliche Beteiligung im Wohnungssektor entscheidend.

Das »Wiener Modell« hat es vorgemacht: bezahlbare Wohnungen mit festgelegten Mieten, die in öffentlichem Eigentum sind und in denen die Mieterinnen und Mieter mitbestimmen. Wir wollen eine neue Wohngemeinnützigkeit einführen. Die Wohngemeinnützigkeit wurde in Deutschland 1990 abgeschafft. Wohnen wurde damit dem Markt und dem Profitstreben überlassen.

Die Abkehr von der Profitorientierung des Wohnungssektors hin zu einer Gemeinwohlorientierten Ausrichtung ist Kernbestandteil einer neuen sozialen und nachhaltigen Wohnungspolitik.

Mietpreise regulieren

 

[1] https://www.architects4future.de/

[2] AG Energiebilanzen e.V.: Energie in Zahlen – Arbeit und Leistungen der AG Energiebilanzen, Januar 2019, https://ag-energiebilanzen.de/index.php?article_id=29&fileName=ageb-energie_in_zahlen_2019.pdf (aufgerufen am 18.12.2020).

[3] Hamburg Institut/Prognos: Perspektive der Fernwärme – Maßnahmenprogramm 2030 – Aus- und Umbau städtischer Fernwärme als Beitrag einer sozial-ökologischen Wärmepolitik, Gutachten im Auftrag des AGFW, November 2020, https://www.agfw.de/strategien-der-waermewende/perspektive-der-fw-7070-4040/ (aufgerufen am 18.12.2020).

[4] Ebd. S.25.

[5] Ebd.