Das 1,5-GRAD-ZIEL

Warum 1,5 Grad und wie können wir das erreichen?

– die rechtlichen Grundlagen und die wissenschaftliche Basis – 
 
Rechtliche Grundlagen
Das 1,5-Grad-Ziel1 ist im Übereinkommen von Paris vom Dezember 2015 (Pariser Abkommen – PA)2 zwischen den Staaten der Welt3 vereinbart. Der Bundestag hat mit einstimmigem Beschluss vom 22. Sept. 2016 das Gesetz zum Übereinkommen von Paris beschlossen und damit dem durch Deutschland unterzeichneten Abkommen zugestimmt. Das am 4. Nov. 20164 in Kraft getretene Abkommen hat damit den Rang eines Bundesgesetzes. Das 1,5-Grad-Ziel bedeutet, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad gegenüber dem Niveau der vorindustriellen Zeit zu begrenzen.
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1 In Art. 2 Abs.1 Buchst. a) des Übereinkommens von Paris heißt es wörtlich: „…. indem unter anderem a) der Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau gehalten wird und Anstrengungen unternommen werden, um den Temperaturanstieg auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, da erkannt wurde, dass dies die Risiken und Auswirkungen der Klimaänderungen erheblich verringern würde; …“ (https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:22016A1019(01)&from=DE)
2 Übereinkommen von Paris ist die offizielle Übersetzung des „Paris Agreement“ vom 12. Dez. 2015, das mit der Ratifizierung durch 55 Vertragsstaaten am 4. Nov. 2016 in Kraft getreten ist. Es wird auch als Abkommen von Paris, Pariser Abkommen, Klimaschutzabkommen … (im Folgenden kurz „Abkommen“ oder „PA“) bezeichnet.
3 Das Abkommen ist von 194 Staaten unterzeichnet und davon von 188 ratifiziert. 
4 mit der Ratifizierung durch 55 Vertragsstaaten am 4. Nov. 2016 in Kraft getreten
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Wie können wir die gesetzliche Verpflichtung aus dem Pariser Abkommen erfüllen?

 
Wissenschaftliche Basis
Der IPCC5 hat dazu auf wissenschaftlicher Basis ein sog. Treibhausgas-Budget ermittelt – die Menge an Treibhausgasen, die von der Weltgemeinschaft maximal noch emittiert werden darf, um die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Dieses für die Zeit ab 1.1.2018 errechnete Treibhausgas-Budget ist zu einem großen Teil bereits aufgebraucht6, so dass das Budget nur bei äußerster Anstrengung noch eingehalten werden kann – bei den derzeitigen jährlichen Emissionen Deutschlands reicht der Anteil Deutschlands nur noch für höchstens fünf Jahre. Wann Netto-Null-Emissionen erreicht werden müssen, hängt entscheidend davon ab, wie schnell die jährlichen Emissionen reduziert werden.
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5 1,5 Grad-Studie des IPCC (SR 1.5 – https://www.de-ipcc.de/media/content/SR1.5- SPM_de_barrierefrei.pdf)
6 Das THG-Budget beträgt weltweit bei einer Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung von 67% noch 420 Gt CO2Äq., bei einer von 50% noch 580 Gt CO2Äq. jeweils gerechnet ab 1.1.2018 (IPCC_SR 1.5, Chap.2 S.108 Tab.2 –https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/05/SR15_Chapter2_Low_Res.pdf). Davon sind ca. 110 Gt (gut 36 Gt p.a.) bis jetzt verbraucht (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/208750/umfrage/weltweiter-co2-ausstoss/ ). Für Deutschland errechnet sich bei quotaler Verteilung mit einem Bevölkerungsanteil von ca. 1,1% in Abhängigkeit von der Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung ein Restbudget von 4,6 (67%) bzw. 6,4 Gt (50%), wovon ca. 2,4 Gt verbraucht sind. Das jetzt noch verbleibende THG-Budget von 2,2 bzw. 4 Gt reicht ohne eine drastische Reduktion der THG-Emissionen bei den nach dem Klimaschutzgesetz für die nächsten Jahre zulässigen Jahresemissionsmengen von ca. 0,8 bis 0,75 Gt noch drei bzw. gut fünf Jahre.
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Voraussetzungen für die Einhaltung des Treibhausgas-Budgets

Die Einhaltung des Treibhausgas-Budgets hängt neben den technischen Möglichkeiten – die gegeben sind – maßgeblich von der entsprechenden Steuerung der Finanzströme ab.
 
Steuerung der Finanzmittelflüsse
Alle Staaten haben sich mit dem Pariser Abkommen auch dazu verpflichtet, die Finanzmittelflüsse mit dem 1,5-Grad-Ziel in Einklang zu bringen.7 Der Verstoß gegen diese Verpflichtung ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die notwendige schnelle Reduktion der jährlichen Treibhausgas-Emissionen hin zu Netto-Null-Emissionen nicht erfolgt. Dazu gehören insbesondere die weitere Subventionierung einer treibhausgasintensiven Industrie sowie Landwirtschaft sowie deren Finanzierung auch durch staatliche Banken und Pensionsfonds. Auch die staatlichen Investitionen in klimaschädliche Infrastruktur sowie Gebäude tragen dazu bei.
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7 Art. 2 Abs. 1 Buchst. c) PA: „ .. indem … die Finanzmittelflüsse in Einklang gebracht werden mit einem Weg hin zu einer hinsichtlich der Treibhausgase emissionsarmen … Entwicklung.“ https://eur- lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:22016A1019(01)&from=DE
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„Technische“ Möglichkeiten
Die „technischen“ Möglichkeiten zur Einhaltung des THG-Budgets betreffen zwei wesentliche Aspekte, einerseits die Gewinnung der Energie aus erneuerbaren Energien in Verbindung mit einer Dekarbonisierung von Wirtschaft, Verkehr und Wohnen und andererseits die Speicherung von CO2 zum Ausgleich von nicht zu vermeidenden THG-Emissionen.
 
CO2-freie Energiegewinnung
Die Gewinnung der Energie aus Erneuerbaren ist jedenfalls weltweit betrachtet ohne Weiteres technisch möglich und auch wirtschaftlich umsetzbar, da die Energiegewinnung aus Erneuerbaren inzwischen auch ohne Betrachtung der Umweltfolgekosten zumindest nicht teurer ist als die aus fossilen Energieträgern. Diebedarfsgerechte Verfügbarkeit ist deshalb die größere Herausforderung. Die Power-to-Gas-Verfahren sind insoweit eine Erfolg versprechende Lösung. Die Umwandlung von elektrischer Energie in sog. grünes Gas ermöglicht einerseits die kostengünstige Speicherung in vorhandenen Gasspeichern und andererseits die Verteilung über das vorhandene Gasnetz. Die Entwicklung ist allerdings nicht so weit fortgeschritten wie die Energiegewinnung aus Erneuerbaren. Es bedarf noch der flächendeckenden großtechnischen Anwendung, um die Kosten durch Skaleneffekte zu senken.
 
 
Dekarbonisierung von Wirtschaft, Verkehr und Wärme
Verkehr und Wärme können entweder mittels elektrischer Energie oder durch den Einsatz des grünen Gases dekarbonisiert werden.
Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist bezüglich der eingesetzten Energie durch die CO2-freie Energiegewinnung ebenfalls zu erreichen. Hinsichtlich chemischer Prozesse wird eine vollständige Vermeidung von Treibhausgasen nicht möglich sein. Insofern wird eine Speicherung von CO2 notwendig sein, um nach Verbrauch des THG-Budgets Netto-Null-Emissionen zu ermöglichen.
 
CO2-Speicherung
Die einfachste Form der CO2-Speicherung ist die natürliche, d.h. in den Böden und Pflanzen. Bei den Böden sind insbesondere die Renaturierung von Mooren und die ökologische Humuswirtschaft zu nennen, um Böden wieder zu dauerhaften CO2- Speichern und nicht Emittenten zu machen. Die derzeitigen Emissionen der Böden resultieren aus der sog. Landdegradierung, insbesondere durch Versiegelung in Form von Straßen und Bebauung.
Die Speicherkapazität von Böden ist allerdings durch die natürliche Sättigungsgrenze beschränkt. Dies gilt auch für die Pflanzen. Insofern ergibt sich die Begrenzung des CO2-Speichers aus der begrenzt verfügbaren Fläche. Auch diesbezüglich ist die Vermeidung von Landdegradierung durch Vernichtung von Wäldern für Infrastruktur und Bebauung zur Vermeidung zusätzlicher Emissionen wichtig.
Gerade Holz lässt sich jedoch durch Nutzung als Werkstoff für langlebige Produkte, wie Bauten oder auch Möbel und sonstige Gegenstände als CO2-Speicher nutzen. Der CO2-Speicher ist insofern auf die jährliche Menge an Holzeinschlag aus nachhaltiger Forstwirtschaft beschränkt. In der deutschen Holzernte von mehr als 60 Mio m3 Holz im Jahr sind immerhin ca. 60 Mio.t CO2 gebunden, womit bis zu 8% der derzeitigen jährlichen THG-Emissionen Deutschlands ausgeglichen werden könnten. Die Nutzung von Holz als Brennstoff vernichtet jedoch diesen CO2-Speicher und kann deshalb auch im Hinblick auf die Feinstaubbelastung keine Lösung des Problems sein.
Für die CO2-Speicherung mit technischen Mitteln gibt es derzeit keine ausgereifte Lösung.
 
Substitution
Von großer Bedeutung ist auch die Substitution energieintensiver Produkte und von Produktionsweisen mit hohen THG-Emissionen.
Beton ist für ca. 8 % der THG-Emissionen weltweit verantwortlich. Die Reduktion des Betoneinsatzes ist auch wegen der begrenzten Ressourcen an Sand und Kies und die damit einhergehende Landdegradierung mit zusätzlichen THG-Emissionen von entscheidender Bedeutung. Wird der Beton durch Holz ersetzt wird ein doppelter Effekt durch Senkung der THG-Emissionen bei gleichzeitiger CO2- Speicherung erreicht.
Das Gleiche gilt für die industrielle Landwirtschaft mit Kunstdüngung. Bei der Herstellung von Kunstdünger entstehen Treibhausgase nicht nur durch den hohen Energieeinsatz, sondern auch durch die chemischen Prozesse. Ferner verlieren die Böden an CO2-Speicherfähigkeit. Bei einer Umstellung auf ökologische Humuswirtschaft werden einerseits die THG-Emissionen vermieden und andererseits gewinnt der Boden an Speicherfähigkeit.
Die industrielle Fleischproduktion ist eine weitere wesentliche Quelle von Treibhausgasen. Hier hilft nur Qualität anstelle von Quantität. Der Fleischkonsum muss eingeschränkt werden, wenn die THG-Emissionen reduziert werden sollen. Dies hätte auch positive Auswirkungen auf die Ernährungsgesundheit und die Umwelt durch geringere Nitratbelastung etc. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ist eine ernsthafte Gefahr für unsere Gesundheit.
 
 

Konsequenz der Überschreitung der 1,5-Grad-Marke

 
Der IPCC hat in seinem 1,5-Grad-Bericht nicht nur das THG-Budget ermittelt, das zum Erreichen des Ziels eingehalten werden muss. Hauptuntersuchungsgegenstand sind die Folgen einer Erderwärmung um durchschnittlich 2,0 Grad verglichen mit denen bei einer Erwärmung um 1,5 Grad. Das Ergebnis ist eindeutig. Dieser „geringe“ Unterschied von 0,5 Grad hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit gravierende Folgen für den Bestand unserer ohnehin gefährdeten Ökosysteme.8 Bei einer über 2,0 Grad hinausgehenden Erderwärmung nehmen die Risiken noch exponentiell zu. Zur Erderwärmung tragen auch Rückkoppelungseffekte bei und das Überschreiten von Kipppunkten des Klimas hätte irreversible Folgen, worauf die Wissenschaft schon lange hinweist. Das Umweltbundesamt hat es bereits 2008 auf den Punkt gebracht: „Der Mensch macht mit dem anhaltenden Ausstoß von Treibhausgasen ein globales Experiment mit der Lufthülle des Planeten, von dem er nicht weiß, wie es ausgehen wird.“9
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8 Kernbotschaften des IPCC-Sonderberichts über 1,5 °C globale Erwärmung zur Verbreitung in der Öffentlichkeit – Dokumentation des UBA-Webinars für Multiplikatoren vom 05. April 2019 (https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-10-02_climate- change_34-2019_kernbotschaften-ipcc.pdf )
9 Kipppunkte im Klimasystem, UBA 2008 – Tz. 4.2, S.22 unten (https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3283.pdf)
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Grundsätzliche Lösungsansätze
 
Aus wirtschaftlichen Gründen und zur Vermeidung gesundheitlicher Beeinträchtigungen infolge der ökologischen Krise muss schnell und konsequent umgesteuert werden. Die mit der ökologischen Krise in Zusammenhang stehende Corona-Krise zeigt, wie planloses, zögerliches und inkonsequentes Handeln die gesamte Gesellschaft zermürbt sowie irreparable wirtschaftliche und gesundheitliche – physische und psychische – Folgen hat. Ein Zögern und „Weiter so“ führt uns durch Fehlinvestitionen immer weiter in die Sackgasse.
 
Die Steuerung der Finanzmittelflüsse ist der entscheidende Faktor, um schnelle Ergebnisse zu erzielen. Es kommt darauf an, dass alle Akteure an einem Strang ziehen. Dazu muss nicht nur die Begünstigung von klimaschädlichem Wirtschaften beendet werden, sondern es müssen auch die Hemmnisse für klimafreundliches Wirtschaften und Handeln beseitigt werden. Zusätzlich müssen schnell wirksame Anreize für treibhausgasemissionsfreies Wirtschaften und Handeln geschaffen werden. Der Staat muss die Rahmenbedingungen schaffen und als großer Emittent selbst vorangehen.